Krankheiten der Aquarienbewohner

 

Leider kommt es immer wieder mal scheinbar aus heiterem Himmel zu Erkrankungen der Fische. In diesem Kapitel geht es zunächst darum solche Erkrankungen zu verhindern bzw. leichte Erkrankungen ohne eingreifende Medikation zu heilen.

 

Prophylaxe

Fische werden von ihrem Lebensraum Wasser direkt beeinflußt. Sie haben sich im Laufe der Zeit ihrem spezifischen Umfeld angepasst. Eine Änderung ihrer Umweltbedingungen ist zwar in engen Grenzen möglich, ohne daß das Wohlergehen beeinträchtigt wird, aber es gibt auch Arten, bei denen jede Veränderung ihrer gewohnten Umweltverhältnisse negative Auswirkungen haben kann. Als Aquarianer muß man deshalb seinen Pfleglingen einen möglichst artgerechten Lebensraum bieten. Das bedeutet eine naturnahe Umgebung, eine gute Wasserqualität und –temperatur sowie bestes Futter.

Weiterhin gilt zu bedenken daß es kein steriles Aquarium geben kann. Die meisten Krankheitserrreger sind ein dauernder Bestandteil des Lebensraumes. Gesunder Fisch bedeutet lediglich daß der Fisch diese Krankheitserreger unter Kontrolle halten kann und so in und mit seiner Umwelt ein stabiles Gleichgewicht erreicht hat. Wird dieses Gleichgewicht zu Ungunsten des Fisches verschoben (beispielsweise falsches Futter, falsche Temperatur, falsche Wasserwerte) wird der Fisch krank.

Ein weiteres Problem ist die Kleinheit des künstliche Lebensraumes. Zwar haben die Fische wie die Menschen ein körpereigenes Abwehrsystem entwickelt, das ihnen eine gewisse Widerstandskraft und teilweise sogar Immunität gibt, aber in dem engen Lebensraum kann es zu explosionsartigen Massenvermehrungen von Keimen kommen, wie sie in der Natur nie vorkommen würden. Um zumindest die Keime zahlenmäßig zu reduzieren und so den Fisch zu unterstützen kann man UV Filter oder Sandfilter einsetzen (s.u.).

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzendes Problem ist die Einbringung "neuer" bzw. "unbekannter" Erreger in ein bestehendes und funktionierendes System. Ein unbekannter Keim kann innerhalb kürzester Zeit dieses Gleichgewicht stören und die Fische erkranken lassen.

Alles was vom Normalzustand abweicht verursacht Streß (falsches Wasser, zu kleines Becken, falsches Futter, falsche Temperatur etc.). Dieser Streß verursacht über eine Reihe von Reaktionen im Körper auch eine Schwächung der Immunabwehr der Fische. So ist es wohl ohne weitere Folgen und auch physiologisch wenn der Fisch hin und wieder kurzfristigem Streß ausgesetzt ist , man denke nur z.B. an einen plötzlich auftauchenden Feind o. ä., aber eine andauernde Belastung ohne die Möglichkeit zur Regeneration oder eine andauernde Überbelastung führen zu einer starken Schwächung des gesamten Organismus. Krankheitserreger haben dann ihre Chance den Fisch zu befallen und zu schädigen.

Aus oben Gesagtem wird nun klar daß man eine Erkrankung nicht auf einen einzelnen Keim vereinfachen darf sondern als komplexes Geschehen auffassen muß. Eine Behandlung einer Krankheit muß zwangsläufig ohne Erfolg bleiben wenn man die fischspezifischen Anforderungen nicht erfüllt. Oder noch besser: bei Beachten und Erfüllen der fischspezifischen Anforderungen und damit Vermeidung von Streß werden die meisten Erkrankungen erst gar nicht ausbrechen.

 

Allgemeine Maßnahmen

 

Wie kann man nun das oben genannte im Aquarium umsetzen? Das beginnt mit Information über das jeweilige Tier vor dem Kauf. Kann ich die Ansprüche des Tieres erfüllen? Welches Wasser ist notwendig, welche Temperatur, welche Beckengröße, welche Beckeneinrichtung entspricht den Anforderungen des Fisches? Kann ich diese Anforderungen erfüllen? Passen die Neuen zu denen die ich schon habe? Ich glaube man kann nicht zuviel Informationen sammeln. Dies wäre der erste Schritt zu einer artgerechten Haltung.

Wasser

Jede Veränderung der Wasserqualität hat sehr schnell auch Auswirkungen auf das Befinden der Fische. Das Wasser in den natürlichen Lebensräumen ist sehr stabil, Veränderungen gehen recht langsam vor sich. Ganz im Gegenteil zum Aquarium. Dieses ist durch die relativ geringe Größe und Wassermenge recht labil und schon kleine Veränderungen können enorme Schwankungen auslösen.

Daher gilt im Falle einer Erkrankung zunächst Überprüfung der Wasserwerte. Hier sollte man sich vor Augen halten, daß die in vielen Büchern angegebenen "Toleranzbereiche" sicher nicht das Optimum darstellen. Besser, falls verfügbar, sind Wasserwerte aus dem natürlichen Verbreitungsgebiet der Fische.

Stickstoffkreislauf

Während sich in den letzten Jahren zunehmend ein gewisses "Härtebewußtsein" eingestellt hat, die meisten Aquarianer zumindest die Bereiche hart mittel und weich einigermaßen beachten, sind die negativen Einflüsse der Stoffwechselprodukte aus dem Proteinabbau (Ammoniak, Ammonium, Nitrit und Nitrat) nur den wenigsten bekannt. Deshalb möchte ich nur ganz grob den Abbau skizzieren:

Ammoniak (NH3) entsteht bei der Verdauung von Proteinen und wird von Fisch über die Kiemen im Tausch gegen Natrium ans Wasser abgegeben. Da Ammoniak sehr gut wasserlöslich ist entsteht dort Ammonium (NH4+). Diese Löslichkeit ist abhängig vom pH Wert und der Temperatur, das heißt daß mit steigendem pH Wert und Temperatur mehr freies Ammoniak gebildet wird. Dieses Ammoniak ist die giftigste aller Stickstoffverbindungen.

Der erste Schritt der Nitrifikation wird nun von Bakterien der Gattung Nitrosomonas geleistet: sie bauen Ammoniak unter Verbrauch von Sauerstoff in Nitrit (NO2+) um (Oxidation bzw. aerober Abbau). Dieses Nitrit ist schon deutlich weniger fischgiftig als Ammoniak. In einem weiteren Schritt wird nun das Nitrit von Nitrobacterbakterien in das noch weniger fischgiftige Nitrat (NO3-), wieder unter Sauerstoffverbrauch, oxidiert. Dieses Nitrat kann teilweise von Pflanzen wieder aufgenommen und verarbeitet werden. Es gibt auch spezielle Nitratfilter, die Nitrat unter anaeroben Prozessen wieder zu molekularem Stickstoff abbauen. Nitratharze binden zwar auch Nitrat, tauschen es aber im Neutraltauschverfahren gegen Chloridionen aus und verschieben eben auch das Ionenspektrum in für die Fische negative Bereiche und sind deshalb abzulehnen.

Ursachen für erhöhte Werte sind meist: zu kleiner Filter (bzw. noch nicht richtig eingefahren), Überbesatz, Überfütterung, Bakterienschädigung durch Medikamente oder Gifte, hoher Anfall von organischen Material im Aquarium (z.B. auch ein toter Fisch).

Idealerweise sollten in einem Aquarium Ammoniak und Nitrit mit den handelsüblichen Tests nicht nachweisbar sein, Nitrat in einer maximalen Konzentration von 50 mg/l. Bei erhöhtem Werten empfiehlt sich neben der Ursachenforschung ein sofortiger Wasserwechsel von bis zu 75 %, u. U. täglich bis die Werte stabil bleiben sowie die Zugabe von Bakterienstämmen, sei es in Form von eingefahrenem Filtermaterial oder als käufliches Konzentrat.

Man muß sich bei erhöhten Werten immer vor Augen halten daß Ammoniak ca. 10 x so fischgiftig ist wie Nitrit und dieses wiederum ca. 100 x so fischgiftig wie Nitrat. Da in unserem Leitungswasser zwar teilweise Nitrat enthalten sein kann (nach Trinkwasserverordnung sind bis 50 mg/l erlaubt) aber niemals Ammoniak oder Nitrit ist es also immer besser einen evtl. höheren Nitratwert in Kauf zu nehmen und Wasser zu wechseln.

Sollte man aus irgendwelchen Gründen mit Wasserwechseln keine ausreichende Senkung erreichen können, hilft es auch, bei hohen Nitritwerten etwas Salz zuzusetzen (bis ca. 1 Gramm pro Liter) da Nitrit in salzreicherem Wasser weniger toxisch wirkt als in salzarmem. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert und sollte nur bei niedrigen Nitratwerten versucht werden, da dummerweise das Nitrat in salzreicherem Wasser dann giftiger wirkt.

Optimierung des Umfeldes

Leider gelingt es mit oben genannten Maßnahmen nicht immer eine Krankheitsverbreitung zu unterbinden. Das ist zum einen in den relativ kleinen Lebensraum Aquarium bedingt, zum anderen sind die Wasserverhältnisse zwar oft gut bis sehr gut, aber in den seltensten Fällen wirklich optimal. Keime irgendeiner Art können sich also immer noch besser ausbreiten als in der Natur. Die meisten Ektoparasiten haben Stadien, in denen sie den Fisch verlassen und sich eine neuen Wirt suchen, z.T. dabei eine Weiterentwicklung durchmachen und dann etliche neue Schwärmer entlassen die dann wieder den Fisch befallen. Hier setzen 2 weitere "Behandlungsmöglichkeiten" an: der UV-Klärer und der Sandfilter. Beide reduzieren die freischwimmenden Keime und schützen so vor Neuinfektion, helfen also dem Fische selbst mit seiner Erkrankung fertig zu werden.

UV-Bestrahlung

Hier wird Aquarienwasser möglichst dicht an einer Ultraviolettlampe vorbeigeführt. UV Licht wirkt auf Mikroorganismen dadurch daß Zellbestandteile geschädigt werden. Abgetötet werden freischwimmende Formen von Bakterien, Parasiten, Einzellern, Pilzen und Viren, z.T. auch auf Algen. Die Größe des UV Gerätes ist abhängig von der Beckengröße, im allgemeinen sollte der Beckeninhalt mindestens 1 mal pro Stunde, besser 3-4 mal pro Stunde durchgepumpt werden. Ich schließe die UV-Lampe so an, daß sie gefiltertes Wasser ansaugt und das Wasser nach der Lampe nochmals kohlegefiltert wird um die Abfallprodukte nicht wieder ins Aquarium zurückzupumpen. Ein Einsatz über wenige Tage erscheint ausreichend, einen Dauereinsatz halte ich für nicht notwendig, zumal durch UV Licht auch Pflanzennährstoffe und Eisen unbrauchbar gemacht werden können.

Sandfilter

Ein Sandfilter ist im Prinzip ein großer Filter, bei dem das Wasser durch eine möglichst lange Schicht feinen Sands laufen muß. Durch diese lange Durchlaufzeit werden die meisten Schwärmer, Parasiten und Einzeller abgefangen. Inwieweit auch Algen, Pilzsporen und Bakterien reduziert werden weiß ich nicht, ich denke jedoch daß auch hier zumindest eine erhebliche Reduktion erreicht wird.

Kochsalz

Kochsalz hilft bei den meisten Ektoparasiten und bei Pilzen. Je nach Fischart werden unterschiedliche Konzentrationen angewendet. Bei extremen Weichwasserfischen bis zu 1 g/l, bei Hartwasserfischen bis zu 5 g/l als Dauerbad. Allerdings können ab ca. 2 g/l Pflanzen geschädigt werden.

Allgemeine Empfehlung: bei Fischen mit Verletzungen oder im Anfangsstadium einer Erkrankung Dauerbad mit 1 g/l, bei Hartwasserfischen bis 3 g/l

Diese Dosierung hat noch ein paar weitere Vorteile: zum einem wird durch das Salz die Nitrittoxizität herabgesetzt (und je nach Behandlung und Befall können gewaltige Mengen Nitrit anfallen, sei es durch Störung der Filterbakterien oder durch erhöhten Anfall organischen Materials), zum anderen wird durch den Salzzusatz eine Temperaturerhöhung besser vertragen.

Temperaturerhöhung

Eine Temperaturerhöhung für ein paar Tage erhöht den gesamten Stoffwechsel des Fisches und stimuliert das Immunsystem. Gleichzeitig wird durch den beschleunigten Stoffwechsel die Lebenszeit des Keimes verkürzt. Ich filtere mit Lufthebern und habe so schon eine gute Durchlüftung des Beckens, bei Benutzung von Motorfiltern ist eine zusätzliche Durchlüftung ratsam. Für die meisten unserer Aquarienfische ist eine Temperaturerhöhung um ca. 20 % für 5 Tage problemlos.

Behandlungsempfehlung bei unspezifischer Erkrankung bzw. unklarer Diagnose

Wenn meine Fische Anzeichen einer Erkrankung zeigen gehe ich folgendermaßen vor: Überprüfung der Wasserwerte, Wasserwechsel ca. 70 %. Dann schließe ich einen UV Filter an, erhöhe die Temperatur (bei den meisten auf 30 Grad, bei Becken nur mit Platys oder Guppys auf 33 Grad), Zugabe von Salz (ich benutze Meersalz) von ca. 2 g/l. Die Temperatur lasse ich für 5-7 Tage erhöht. Die gesamte Behandlung erstreckt sich über insgesamt 10 Tage (natürlich immer Besserung vorausgesetzt). Damit habe ich in den letzten Jahren jede Erkrankung erfolgreich behandelt, ein weiterer Einsatz von Medikamenten war nicht notwendig.

Quarantänebecken

Zuletzt möchte ich noch auf das Wichtigste hinweisen, wenn man neue Fische bekommt: ein Quarantänebecken. Wie oben mehrfach erwähnt gibt es keine sterilen Fische. Wenn ein Fisch anscheinend gesund ist bedeutet das daß er ein Gleichgewicht zwischen Immunantwort und Keimen gefunden hat. Nun wird der Fisch durch herausfangen und umsetzen immer gestreßt, evtl. sogar verletzt. Also ist er geschwächt und dann sowieso anfälliger für Krankheiten. Zusätzlich hat sich in dem anderen Becken sicherlich auch ein anderes Keimspektrum befunden. Ich setze meine Neuzugänge also alleine in ein extra Becken. Diese Becken ist artgemäß eingerichtet. Dort kann ich die Fische beobachten und evtl. obiges Behandlungsschema durchführen. Gleichzeitig erfolgt eine langsame Adaption an das zukünftige Becken indem ich Wasser daraus bei Wasserwechseln mit einmische. Eine prophylaktische Behandlung, wie sie so oft empfohlen wird lehne ich genauso ab wie die Zwischenhälterung in sterilen Becken. Nach dieser "Einzelhaft" von mindestens 2 Wochen (meist länger, bis zu 4 Wochen) setze ich die Fische erst in ihr endgültiges Becken um. Mit Garnelen und Krebsen verfahre ich ähnlich, allerdings werden diese gleich in ihr endgültiges Becken gesetzt und evtl. Mitbewohner vorher entfernt und dann erst nach einigen Wochen wieder zurückgesetzt. Dies auch weil man bei vielen Garnelen und Krebsen nicht immer sicher sein kann ob sie die Fische nicht als willkommene Abwechslung des Speiseplans betrachten.
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