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Hessisches Rothaargebirge

Naturräumlich gehört das hessische Rothaargebirge zu den Haupteinheiten "Hochsauerland" (Untereinheit "Sackpfeife") und zum "Ostsauerländer Gebirgsrand" (Untereinheit "Hatzfelder Bergland").
Vom Kahlen Asten (841m ü. NN) bis zur 30 km Luftlinie enffernten früheren Kreisstadt Biedenkopf (305m ü. NN) wird eine Höhendifferenz von mehr als 500m überwunden.
Dieses für ein Mittelgebirge recht beachtliche Gefälle bedeutet, daß Bäche und Flüsse, die nach Südosten hin entwässem, aufgrund ihrer hohen Fließgeschwindigkeit und der dementsprechend großen Sedimentfracht tiefe Täler in den Gebirgssockel präpariert und eine unruhige Oberfläche geschaffen haben.
Das Gebiet, das hier näher beschrieben werden soll, liegt zwischen den markanten Talauen von Eder und Lahn.
Seine höchste Erhebung bildet das vom Wintersport geprägte Sackpfeifenmassiv mit 674 m ü. NN.
Obwohl dieser hessische Teil des Rothaargebirges sich vom Ausgangsgestein her nicht wesentlich vom nordrhein-wesffälischen Teil unterscheidet, beide Bereiche dem selben Naturraum angehören und von Wäldern geprägt werden, gibt es doch deutliche Unterschiede.
Dazu trägt zum einen die veränderte klimatische Situation durch geringere Niederschlagsmengen auf der Leeseite des Rheinischen Schiefergebirges bei und zum anderen die kulturhistorich bedingte unterschiedliche Bewirtschaftung der hessischen Wälder.

Waldvegetation

Ohne menschliche Nutzung wäre bekanntlich fast ganz Mitteleuropa mit Buchenwäldern unterschiedlicher Artenzusammensetzung bedeckt. Mit anderen Worten: Buchenmischwälder stellen die potentielle natürliche Vegetation Mitteleuropas dar. Insgesamt 6000 - 7000 Hektar der überwiegend naturnahen Wälder der Sackpfeifenregion sind Staatsforste. Für bundesdeutsche Verhältnisse zeichnet sich dieses Gebiet durch überdurchschnittlich viele Altholzbestände, sowie einen hohen Anteil an alten Laubmischwaldbeständen aus, welche sich entsprechend den jeweiligen Standortbedingungen als potentielle natürliche Vegetation entwickeln konnten. Der prozentuale Anteil an Fichtenforsten ist bei weitem nicht so hoch wie im benachbarten "verfichteten" Altkreis Wittgenstein (NRW). Die charakteristische Waldformation der nährstoffarmen, silikatischen Verwitterungsböden, die sich auf Kellerwaldquarzit, Grauwacken und Kieselschiefern gebildet haben, stellen Hainsimsen-Buchenwälder dar. Die Bestände dieses vergleichsweise artenarmen Waldtyps haben in Hessen ihren Verbreitungsschwerpunkt. Auf nährstoffreicheren Standorten finden sich auch wertvollere, d.h. artenreichere Perlgras-, Zahnwurz und Waldmeister-Buchenwälder und in den höheren Regionen ab ca. 600m ü NN haben sich Bergahorn-Buchenwälder entwickelt. Schlucht- und Blockhaldenwälder gehören zu den bestandsgefährdeten Waldformationen. Von ihnen gibt es an den steilen Talhängen im Suden des Gebietes noch einige Vorkommen. Die Talauen sind charakteristischerweise von Auewäldern geprägt, die ebenfalls zu den gefährdeten Waldbiotoptypen gehören Auf den zahlreich vorkommenden Felsköpfen, die leider allzuoft forstlich überformt sind, stocken teilweise noch bemerkenswerte Höhenvorkommen bodensaurer Eichenwälder.

Grünlandvegetation

In den höhergelegenen Bachtälern des hessischen Rothaargebirges (z.B. geplantes NSG "Bachsystem Lindenhof bei Hatzfeld") existieren mehrere Hektar große Feuchtgrünländereien mit u.a einer für Hessen bemerkenswerten Flachmoor-Vegetation. Neben Waldbinsen- (Juncetum acutiflori) und Waldsimsensümpfen (Scirpetum silvatici) kommen in der Region auch Herzblatt-Braunseggensümpfe (Parnassio Caricetum fuscae) vor. Diese Assoziation ist unter allen Pflanzengesellschaften der Quellmoore die gefährdetste (nach ELLENBERG)

Tierwelt

Die Vorkommen von Wildkatze und Haselhuhn des benachbarten Landkreises Marburg-Biedenkopf sind auch hier hochwahrscheinlich. Nach wie vor sind die aktuellen Brutvorkommen des Schwarzstorchs im Sackpfeifengebiet sehr bemerkenswert, denn kaum eine andere heimische Vogelart ist ähnlich menschenscheu. In hohem Maß ist er auf große; unzerschnittene Waldgebiete (mindestens 1000 Hektar) angewiesen! An weiteren Waldvögeln sind Vorkommen von Waldschnepfe, Rauhfu§kauz und fast sämtlicher heimischer Spechtarten erwähnenswert, unter den hier vorkommenden Amphibien sind Kreuz- und Geburtshelferkröte zu nennen. Die hier jüngst entdeckten Bestände der Libelle "Gestreifte Quelljungfer" (Cordulegaster bidentatus) zahlen zu den bedeutendsten in Mitteleuropa; sie bevorzugt Hangquellen (Quellsümpfe) inmitten größerer Laub und Mischwalder. Als Stellvertreter fur die Schmetterlinge soll der "Veilchenperlmutterfalter" Clossiana euphrosyne L genannt werden Dieser besitzt entlang der Bachoberläufe des Sackpfeifenmassivs auf Waldwiesen in Nähe lichter Bach-Erlen Eschen-Wälder (Canci remotae-Fraxinetum) überregional bedeutsame Vorkommen. Einige Neufunde für Hessen von Insektenarten, deren Larven sich in Bergbächen entwickeln, erfolgten hier (Libellen, Stein-, Köcher- und Eintagsfliegen). Überhaupt weisen die Bachsysteme der Region für Gesamthessen eine außergewöhnlich reichhaltige Gewässerfauna auf.

Fazit

Diese unvollständige Aufzählung der im hessischen Teil des Rothaargebirges vorkom menden Wald-und Grünlandgesellschaften läßt die Bedeutung des Gebietes als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als genetisches Reservoir und nicht zuletzt als Ort der Ruhe für erholungssuchende Menschen erahnen.

Eine Wiederherstellung derartiger Biotope ist nicht möglich.

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